Sehnenverletzungen beim Pferd – Ursachen, Therapie und Management

Die Diagnose einer Sehnenverletzung – ob Sehnenruptur, Teilanriss oder ein struktureller Defekt – stellt Pferdebesitzer vor große Herausforderungen. Warum?

  1. Langsame Heilung: Sehnen sind weniger durchblutet als Muskeln, weshalb ihre Regeneration deutlich länger dauert.
  2. Management: In 90 % der Fälle sind Sehnenverletzungen auf Trainings- oder Haltungsfehler zurückzuführen. Dies erfordert eine kritische Analyse des gesamten Managements in Zusammenarbeit mit Tierarzt, Therapeut, Ausbilder, Hufschmied und Sattler.

Insofern ist der unbequeme Satz „der Reiter formt das Pferd“ hier als Chance zu begreifen, um in der Pause etwas zu verändern.

 

Warum entstehen Sehnenverletzungen?

Sehnen verbinden Muskeln mit den Knochen und sind essenziell für die Kraftübertragung im Bewegungsapparat. Gleichzeitig spielen sie als wichtiger Teil des elastischen Federungsmechanismus bei der Kraftentwicklung des Pferdes ebenfalls eine bedeutende Rolle. Muskeln und Sehnen funktionieren immer als Einheit. Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied sowohl in der Verarbeitung von Trainingsreizen als auch bei der Heilung. Während sich die Veränderungen innerhalb der Muskulatur durch Be- oder Entlastung innerhalb weniger Wochen vollziehen, dauern die Anpassungsprozesse bei Sehnen mehrere Monate.

 

Die Muskel-Sehnen Funktionseinheit

Wenn wir uns die Anatomie des Pferdebeins näher anschauen, sehen wir, dass das Pferd die letzten, größeren Muskelpakete im Bereich des Ellenbogengelenks – bzw. Kniegelenks hat und ab dann, hufwärts, vor allem sehnige Ausläufer. Perfekt, um Gewichts zu sparen und eine schnelle Beschleunigung vor dem Säbelzahntiger zu gewährleisten. Ein von der Natur perfekt organisiertes System, das, wie bei nahezu allen flüchtenden vierbeinigen Steppentieren, ohne spezifische Trainingsreize maximale Leistungsfähigkeit garantiert.

 

 

 

Häufige Ursachen für Sehnenschäden:

  • Fehl/ Unter/ Überbelastung – Zu intensives und nicht aufeinander aufbauendes Training, das weder den Ausbildungsstand noch die individuellen Besonderheiten des Exterieurs des Pferdes berücksichtigt ist für die meisten Reiter nicht immer sofort sichtbar aber doch nachvollziehbar. Schwieriger ist das Erkennen von Unterbelastung des Sehnengewebes durch Bewegungsmangel. Immer noch wird Ruhe und Pause viel zu sehr positiv belegt und ausschließlich mit Erholung gleichgesetzt. Dabei ist Bewegungsmangel neben der Fehl- und Überbelastung einer der Hauptfaktoren innerhalb der Entstehung von Sehnenschäden.
  • Muskuläre Dysbalancen: Das Pferd wird unter dem Reiter zum Reitpferd – ab jetzt ist dieser in der Verantwortung, einen positiven Spannungsbogen aufzubauen. Eine zu schwache Entwicklung der rumpftragenden unteren Muskelketten von Schultergürtel und Becken kann Belastung nicht ausreichend abfedern, wodurch Sehnen überlastet werden.
  • Exterieur bedingte Faktoren: Anatomische Besonderheiten, die im Training nicht ausreichend berücksichtigt werden.
  • Bodenverhältnisse: Zu harter, tiefer oder auch nie wechselnder Untergrund erhöht das Risiko von Sehnenläsionen.
  • Unzureichendes Aufwärmen & Abkühlen: Ein unvorbereitetes Sehnensystem ist anfälliger für Mikrotraumata.

 

 

Sehne ist nicht gleich Sehne“ – der eine geht 3-beinig aus dem Parcours, der andere lahmt nicht, sondern bereitet seinem Reiter nur ein ungutes Gefühl mit Rausheben auf der engen Volte und einer kleinen Galle.

 

1. Erste Maßnahmen – Akutbehandlung nach der PECH-Regel

Wenn eine Sehnenverletzung auftritt, sollte schnell gehandelt werden:

1.1. Die PECH-Regel aus der Humanmedizin (bei akuten Traumata)

  • Pause → Sofortige Entlastung des betroffenen Beins (Kein Trab und Galopp mehr).
  • Eis → Kühlung (z. B. mit Kühlpacks oder kaltem Wasser).
  • Compression → Vorsichtiger Druckverband zur Stabilisierung.
  • Hochlagern → Beim Pferd nur eingeschränkt möglich, alternativ lange Schrittphasen zur Entstauung. (Optimal wäre das mit Kompression in kaltem Wasser, falls vorhanden).

Achtung: Diese Regel gilt nur nach plötzlichen Verletzungen und ist nicht als Routine-Maßnahme nach jedem Training sinnvoll.

Nach der Erstversorgung ist eine gründliche Diagnostik erforderlich, um die Schwere der Verletzung festzustellen.

 

2.1. Diagnostik

  • Ultraschall → Standardverfahren zur Darstellung der Sehnenstruktur.
  • Röntgen → Zum Ausschluss knöcherner Beteiligungen.
  • MRT/CT → Detaillierte Bildgebung bei unklaren Fällen.

Anmerkung: Eine aktuelle Studie aus der Humanmedizin, in der mithilfe bildgebender Verfahren die Bizepssehnen beidseits von menschlichen Probanden untersucht wurden, zeigt, dass die Anzahl asymptomatischer – also schmerzfreier – Sehnenrupturen doppelt so hoch ist wie die der Rupturen, die gleichzeitig mit Schulterschmerzen auftreten. Insofern stellt die Redakteurin die Beurteilung der bildgebenden Verfahren in Relation zu weiteren möglichen Optimierungen des Managements. (Quelle: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24403741/)

 

2.2. Konservative Behandlungsmöglichkeiten

  1. Manuelle Lymphdrainage (MLD)
    • Unterstützt den Abtransport von Entzündungsstoffen.
    • Sollte frühzeitig begonnen werden (nach tierärztlicher Freigabe).
  2. Querfriktionstherapie
    • Fördert die Durchblutung und verhindert übermäßige Narbenbildung.
  3. Kompressionstherapie
    • Vorsicht: Falsch angebrachte Stallbandagen können den Lymphfluss verschlechtern.
    • Empfehlung: Lymphologisch geprüfte Kompressionssysteme (z. B. EQUI compress® Stübben).
  4. Blutegeltherapie

Der Blutegel gibt bei der Behandlung die Inhaltsstoffe seiner Speicheldrüse in die Wunde ab, die entzündungshemmend, schmerzstillend, gerinnungshemmend und durchblutungsfördernd wirken. Dabei enthält der Speichel eines Blutegels entzündungshemmende Stoffe, wie Hirudin, die schmerzlindernd wirken.

In der Regel tritt bereits nach der ersten Behandlung eine Verbesserung ein.

  1. Physikalische Therapie (Kaltplasma, Ultraschall, Laser)
    • Unterstützt die Regeneration durch verbesserte Zellaktivität.
  2. Bewegungstherapie

Schritt auf festem Boden in Kombination mit physiologischer Kompression (wie z.B. der EQUI compress® von Stübben) und Kühlung. Neu entwickelte Aquatrainer mit sehr guter Wasserqualität, Kühlung und Gegenstromanlage können hier gute Dienste leisten (www.plyokinetics.de)

Empfehlung: Eine Kombination aus mehreren Therapien zeigt meist die besten Ergebnisse. Ein individuell angepasstes Konzept mit dem Tierarzt und Therapeuten abstimmen.

 

3. Trainingsanpassung und Rehabilitation

Die richtige Reha ist entscheidend für eine vollständige Heilung und die Vermeidung erneuter Verletzungen.

3.1. Wichtige Prinzipien der Rehabilitation

  • Bewegung anpassen → Anfangs nur kontrolliertes Führen, dann langsamer Aufbau.
  • Bodenkontrolle → Gleichmäßige, feste Böden ohne Rutschgefahr bevorzugen.
  • Muskulatur stärken → Korrektes Muskeltraining entlastet die Sehnen langfristig.
  • Durchblutung fördern → Wechselbäder (kalt/warm duschen) und gezielte Massagen helfen.

3.2. Individuelles Aufbautraining (Beispiel)

Nach der Pause sollte das Training schrittweise gesteigert werden:

  1. Wochen 1–4: Kontrolliertes Führen auf hartem Boden (15–30 min täglich).
  2. Wochen 5–8: Leichte Trabphasen im Schritt-Trab-Wechsel (nach tierärztlicher Freigabe).
  3. Ab Woche 9: Langsamer Muskelaufbau mit Stangenarbeit und Galoppintervallen.

Empfehlung: Integriere regelmäßig Übungen zur Mobilisation des Fells und zur Lösung muskulärer Blockaden.

 

3.3. Funktionaler Belastungsaufbau – Bewegungsqualität vor Quantität

  • Gibt es funktionale Defizite innerhalb der Bewegung des Pferdes müssen diese zwingen vor der ersten Trabphase von geschulten Fachleuten in Zusammenarbeit korrigiert werden.
  • Hatte das Pferd beispielsweise vor der Sehnenverletzung Defizite in Takt Losgelassenheit und Anlehnung, so werden diese Defizite den Rehaaufbau mit Sicherheit behindern.
  • Nutzen Sie diese Zeit des Aufbaus für eine umfassende Analyse und ggf. Umstellung des gesamten Managements. (Ernährung, Sattel, Hufe; funktionaler Bewegungsablauf)
  • Nutzen Sie diese Zeit als Chance. Umstellungsprozesse brauchen Zeit, die Sie jetzt haben. Das Sehnengewebe braucht mindestens 6 - 9 Monate zur vollständigen Regeneration. Sie können jetzt einfach nur den Kalender runterlaufen lassen, mit dem Risiko, nach der strukturellen Heilung mit den gleichen Fehlern in die Folgeverletzung zu reiten. Oder Sie nutzen diese Zeit sinnvoll für ein systematische Reset.

4.Fazit & Handlungsempfehlung

Sehnenverletzungen sind langwierig, aber durch ein strukturiertes Management lassen sich Heilungszeit und Rückfallrisiko deutlich reduzieren.

Prävention: Regelmäßige Ganganalyse, gut durchdachtes und abwechslungsreiches Training, unterschiedliche Böden.
Erstversorgung: PECH-Regel beachten, sofort tierärztliche Untersuchung einleiten.
Therapie: Kombination aus manuellem Therapieansatz, physikalischer Unterstützung und gezieltem Training.
Rehabilitation: Geduldiger Muskelaufbau und schrittweise Belastungssteigerung.

Durch eine enge Zusammenarbeit mit Tierarzt, Therapeut, Hufschmied und Sattler kann das individuelle Management optimal abgestimmt werden – für ein langfristig gesundes und leistungsfähiges Pferd.

Verfasser/ Quelle Grafik Pferdebeine Franziska Bechberger-Gaber (Humanphysiotherapeutin & FN zert. Pferdephysiotherapeutin), Stefan Stammer (Physiotherapeut, stattlich gepr. Sport-und Gymnastiklehrer), Jeanne Kloepfer als Quelle Grafikerin und Buchtitel „das Pferd in positiver Spannung“

 

Stefan Stammer

Stefan Stammer (Physiotherapeut, stattlich gepr. Sport-und Gymnastiklehrer)

Franziska Bechberger-Gaber (Humanphysiotherapeutin & FN zert. Pferdephysiotherapeutin)
Franziska Bechberger-Gaber (Humanphysiotherapeutin & FN zert. Pferdephysiotherapeutin)

 

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